Weltrekordfahrt mit dem kleinsten Gasballon der Welt

Es war ein erster Versuch. Dieser erste Versuch ist gescheitert - gescheitert an der Fehleinschätzung des Piloten. Es ist eben ein Unterschied 830 Gasballonfahrten mit Gasballone von 500 – 1000 m³ gemacht zu haben, aber eben nur ganze sechs Fahrten mit sehr kleinen Gasballonen. Es war meine zweite Fahrt mit dem kleinsten Gasballon der Welt. Es wäre zu einfach gewesen, wenn dabei gleich alle Rekorde gepurzelt wären. Bei ca. 14 Stunden liegt der WR in der Klasse AA2, gehalten von David Hempelmann aus dem Jahre 2009. Die Distanz liegt immerhin bei weiten 700 km. Beide Leistungen waren zu überbieten und ich war nahe dran es zu schaffen. Was hat dies verhindert?
Eine tolle Mannschaft rüstete mit mir den 250 m³ kleinen Ballon am Freitagabend auf dem Verbandsstartplatz in Gladbeck auf. Viele haben dies live im Internet Dank der neuen Webkamera sehen können. (www.Ballon.org) Wir arbeiten daran, das Bild noch besser zu machen, aber es ist alles noch in der Versuchsphase und die wird noch etwas dauern.
Um 23:11 Uhr ging es On Air. Die Richtung betrug 45°, Richtung CTR D.-dorf. Da der Verkehrsflughafen jedoch um 23:00 Uhr schließt, sollte eine Durchfahrt problemlos möglich sein, zumal der Luftraum über Deutschland für IFR Flüge gesperrt war. Tolle Voraussetzung für einen Rekordversuch. Leider kam es anders. Düsseldorf hatte noch einige Air Berlin Flieger erwartet, die die Zwangspause lieber in Düsseldorf verbringen wollten und deshalb später als erlaubt landen mussten. So war die erste Frage von D.-Dorf Tower ob ich denn auf 3000 ft steigen könnte. Ich verneinte dies auf Grund meines Rekordvorhabens und der Größe des Ballons. Es war richtig, erst einmal abzuwarten. Denn als der letzte der fünf Air Berlin Flieger um 00:05 landete war ich noch 10 km vom Final entfernt. Es hat keinerlei Behinderung gegeben, der Lotse musste nur zweimal die anfliegenden Piloten darauf hinweisen, dass ich da war und sein Taskes??? eine Anzeige machen könnte. Es geht also. Die Nacht war kalt, mit 2,3° C um 05:00 Uhr war der kälteste Punkt erreicht. Der bekannte blaue Daunenanzug steckt das problemlos weg. Die weitere Fahrt verlief Dank des geschlossenen Luftraums über Europa problemlos. Es wäre eine Tagesüberfahrt von Paris möglich gewesen. Allein mir fehlte das Vertrauen, ob es denn die erforderliche Freigabe geben würde, in die Pariser CTR einzufahren. So fuhr ich tiefer und versuchte links am Luftraum von Paris vorbei zukommen. Eine kalte jedoch stabile Fahrt folgte durch die Nacht. Der Himmel gehörte mir ganz alleine. 50 km südlich vom Pariser Luftraum gibt es einige kleine CTR die jedoch allesamt geschlossen hatten und Paris Info hatte es nur mit einigen Sportmaschinen zu tun. Von meinen 23 Sack a. 5 kg hatte ich um 08:00 Uhr morgens noch 16 Sack. Ein sehr gutes Ergebnis. Vor der ungewollten Landung um 12:03 Uhr waren es noch 15 Sack. Wie gesagt, um Paris links vorbei zu durchfahren, durfte ich nicht zu hoch fahren. Der kleine Ballon fuhr so zwischen 400 m und 650 m über NN. Der Boden ist ca. 250 – 300 m über NN. Um 11:00 Uhr fiel der Ballon und ich konnte sehen, wie er sich in der bodennahen Schicht verhielt. Der Ballon war durchweg mit ca. 40 km/h unterwegs. Das bedeutete, dass auch die alte Rekordstrecke von ca. 700 km angegriffen werden könnte. Leichte, sehr leichte Bodenturbulenzen waren zu erkennen und 1 Sack brachte den Ballon erstmalig auf 725 m Fahrthöhe. Um 11:57 Uhr fiel der Ballon und ich ließ Ihn fallen um zu sehen, wie die Geschwindigkeit am Boden ist. Es war stabil und gerademal 15 km/h schnell. Tolles Gelände, weite Felder, keine Stromleitungen und keine Häuser weit und breit hätten eine problemlose Landung erlaubt. Der Ballon begann bei Abgabe von 2 Schippchen Sand wieder zu steigen und ich war bereits wieder mit der 12:00 Uhr Eintragung in den Fahrtbericht beschäftigt, als ich in ca. 300 m Fahrthöhe über NN (Boden 137 m NN) für einen kurzen Augenblick heftige Turbulenzen bemerkte. Ich konnte sehen, dass die untere Kalotte eingedrückt war. Es hatte jedoch nicht den Anschein, dass ich dabei Gas verloren hatte, denn meine Prallhöhe betrug ja ca. 725 m. Als dann ein Blick auf das Vario mir einen Fall von 5 ms anzeigte, stand ich sofort auf und sah den Boden näher kommen. Der Fall musste jedoch jeden Augenblick wieder zurückgehen. So hatte ich es unzählige Male erlebt. Nur ganz selten ging ein Abwind bis zum Boden. Als ich einen Sack rauswarf war es bereits zu spät damit, den Fall abzufangen. Die nötigen 2. bzw. 3 Sack brachte ich nicht mehr raus, warum auch immer. Es waren Sekunden der Entscheidung und das Ereignis kam völlig überraschend. Sicherlich mir 2 – 3 m/s ging es an den Erdboden. Ich hatte mich auf einen harten Bodenkontakt einzustellen und federte diesen sauber ab, was in dem sehr kleinen Korb nicht einfach ist. Da ich sofort bemerkte, dass einiges meiner Ausrüstung und Sandsäcke verloren gingen und der Ballon nicht sofort wieder aufstieg, entschied ich mich, die Fahrt durch das Ziehen der Reißbahn zu beenden.
Nur der Ballon wollte die Fahrt nicht beenden. Es begann ein Kampf zwischen Mensch und Ballon angestachelt von sehr böigem Bodenwind. Nach gut 150 m am Reißgurt hängend machte der Korb eine Hundehütte und begrub mich unter derselben. Jetzt musste ich einsehen, dass der Ballon stärker war. Ich musste mich lösen. Also raus aus dem kleinen Korb. Leicht gesagt. Sich aus den vielen eng beieinanderliegenden Leinen zu lösen was nicht so einfach. Zuletzt hing ich noch mit den Füßen im Korb und der Rest hing draußen und wurde weiter mitgezogen. Nachdem ich frei war und der Ballon weiter seines Weges ging, mehr als Segelboot ohne Wasser als ein Freiballon. Ich stand sofort auf und rannte hinterher. Er hatte 10 m Vorsprung. Ich konnte jedoch mit Daunensocken und herunterhängendem Daunenanzug überhaupt nicht laufen. Also auf den Boden setzen und alles runter. Es blieben ein paar Socken meinen Thermounterhose und das ehemals weiße Oberhemd am Körper. Der Ballon hatte diesen Moment ausgenutzt und sich 25 m Vorsprung verschafft. Ich wiederum erinnerte mich daran, dass ich noch nie etwas Geliehenes nicht wieder ordnungsgemäß zurückgegeben hatte. So spurtete ich dem reißausnehmenden Babyballon hinterher. Da ich nicht sicher war, ob die Reißbahn offen war bzw. sich überhaupt öffnen ließ, kam nur das Öffnen des Ventils in Frage. Nun ist das so ein Ding bei einem selbstgebauten Ballon. Die Füllansatzleine und die Ventilleine haben die gleiche helle Farbe und den gleichen Durchmesser. Ich musste also die richtige Leine zu fassen kriegen. Jedoch tat sich zu beginn nichts außer dem erneuten Zweikampf zwischen Mensch und Ballon. Dazu kam noch das mit jedem m³ ausgetretenem Gas die Segelwirkung größer wurde. Hatte ich denn auch die richtige Leine erwischt. Durch nachlassen und ziehen konnte ich feststellen das die Klappen des Ventils auf bzw. zu gingen. Das gab mir noch einmal Kraft und ich zog mit alles war mir nach diesem 400 m Ritt noch geblieben war um den Ballon den Garaus zu machen. Dann gab er nach und stand bzw. lag auf dem Acker, aber nicht ohne weiterhin zu zerren. Jetzt zum Ventil zu gehen hatte keinen Sinn. Ohne meine 70 kg wäre der Ballon sofort wieder aktiv geworden. Also stand ich noch einige Zeit und zog Ventil. Langsam, viel zu langsam konnte ich den weiteren Gasverlust bemerken. Dann baute ich die Federn des Ventils aus und jetzt kam der einzige Beobachter dieser unfreiwilligen Landung zum Ballon und gemeinsam entleerten wir das restliche Gas. Da stand ich nun. In Unterhosen, völlig entkräftet, jedoch unverletzt und ohne irgend etwas an Kommunikationsmöglichkeit. Alles, aber buchstäblich alles hatte sich bei den zurückgelegten 500 m aus dem Korb verabschiedet. Zuerst einmal versuchte ich mit meinem Helfer zusprechen. Ok eine Franzose der englisch spricht ist schon mal sehr gut. Einer, der dazu noch seine Hilfe anbietet, ist wunderbar. So konnte ich nicht wissend wann mein Helfer weg muss, erst einmal eine Meldung über sein Handy absetzen und die Verfolger informieren lassen sagte ich mir. Aber wie – kein Telefon, keine Telefonnummer - und zu Hause war niemand.
Ich denke, eine gute Idee ist es, sich ein paar wichtige Telefonnummern auf den Bauch tätowieren zu lassen. Aber wie lange kann man die bei sich ständig verändernden Körpermaßen lesen. Aber ein Zettel mit den wichtigen Telefonnummer werde ich erstellen, es kann ja auch mal ein Telefon seinen Geist aufgeben. Also suchen nach meinem Handy, nach meiner Tasche und all dem was so fehlt. Aber wie, meine Brille war auch nicht mehr da und was sieht „Mann„ mit sechzig noch, wenn er die Stecknagel im Heuhaufen sucht. Der junge französische Helfer ging mit bis zur Aufschlagstelle. In meiner abgerissenen Cameron Ballontasche war die Ersatzbrille drin. Wichtig und vorgeschrieben. Um es abzukürzen - ich, wir haben alles wiedergefunden, ja sogar meine rahmenlose fast unsichtbare Brille. Einiges war kaputt gegangen, unter den Korb geraten und alles war restlos schmutzig. Am Ende bleiben ein paar abgerissene Kabel, ein verkratztes Display eines Funkgerätes und einige verbogene Haken, die die Kraft des Windes aufzeigten. Gut, dass es sich bei dem Gelände um ein sehr steinfreies Feld handelte. Das ist eher unnormal in dieser Gegend. Es hatte Spaß gemacht diesen kleinen Gasballon alleine zu verpacken und das Netz zu sortieren. Vier Stunden später trafen die Verfolger ein, genervt von einem dicken Stau im Pariser Autobahnring. Bei der Rückfahrt fuhren sie dann lieber 200 km Umweg über Metz.
Schlussbetrachtung: Es war möglich beide Weltrekorde zu brechen. Besonders die Strecke von 700 km wird schwer zu überbieten sein. Eindeutig ein Pilotenfehler. Ich habe die Einwirkung einer Ablösung auf diesen kleinen Ballon unterschätzt. Die Füllansatzleinen waren nicht festgebunden. Möglicherweise weil die Leine sehr kurz und nach unseren Verhältnissen nur an den Ballonstoff und nicht an einen Holzring am Füllansatz befestigt ist. Tieffahren bei beginnender Thermik ist mit einem so leichten kleinen Ballon eben nicht zu unterschätzen.
Hatte ich mir gleich nach der Fahrt gesagt:“ Nie wieder, das System ist nicht sicher genug oder möglicher weise nur im Winter“, so arbeite ich daran einen erneuten Rekordversuch vorzubereiten. Die Zeit heilt eben alle Wunden, besonders die im Kopf. Herzlichen Dank an meinen Verfolger Karl-Werner Becker 69 und Hansjörg Cramer 67 und an alle anderen Helfer.
Glück ab W.E.